Naturnahe Grünanlagen übertragen nicht nur die Stimmung und Atmosphäre der Natur, sondern die in der Natur stattfindende Vernetzungen und Prozesse werden als Gestaltungsmittel eingesetzt. Dies bedeutet, dass mit der Natur gearbeitet wird, statt gegen sie anzukämpfen. Es werden primär Prozesse und nicht Formen geplant. Es ist unwichtig, ob der Planer eine geometrische oder organische Form wählt. Wichtig sind die Zusammenhänge zwischen dem Biotop und der Biozönose, wie auch dynamische Entwicklungsprozesse richtig zu erkennen und einzusetzen. Die Planung von Naturgärten verlangt fundierte ökologische Kenntnisse, insbesondere in der Pflanzensoziologie. Im Gegensatz zu einfallslosen Thujahecke-Golfrasengärten spiegeln sich in einer naturnah angelegten Anlage die Jahreszeiten wieder. Es entsteht ein Lebensraum für Tiere, und der Bauherr kann seinen Garten genießen statt permanent mit Pflegearbeiten beschäftigt zu sein.

Die Menschheit ist von der Naturumwelt nicht materiell sondern auch emotional abhängig. Die Erinnerungen an das Leben in enger Beziehung zur Natur sind tief in der menschlichen Psyche verankert. Die gegenwärtigen Lebensbedingungen in den Städten sind nicht mehr natürlich. Gerissene Verbindungen mit der Natur sollten zumindest teilweise wiederhergestellt werden, sodass der Mensch seine körperlichen und geistigen Kräfte regenerieren kann. Die spürbaren Effekte der Sehnsucht nach Natur sind die Wochenendausflüge aufs Land und Urlaub in der Natur. Eine Lösung, den Wochenend-Tourismus und die damit verbundene Naturausbeutung zu beschränken, sollten naturnahe Gärten unmittelbar an den Wohnorten - in den Städten, Wohnsiedlungen und sogar an einzelnen Häuser sein.

Die Träume von einem Einfamilienhaus im Grünen sind heute so ausgeprägt, wie noch nie davor. Private Gärten nehmen in manchen Ländern mehrt Platz in Anspruch, als alle Schutzgebiete zusammen. Der Einsatz von ökologischen Grundlagen bei der Gestaltung von Hausgärten ist eine Maßnahme zum Schutz der Natur. Solche Gärten benötigen weniger Pflege damit verbundene Kosten als konventionelle Lösungen. Um ihre Funktion zu gewährleisten, müssen die Planer Expertise auf dem Gebiet der Vegetationskunde besitzen (was ist eine Pflanzengesellschaft, worum geht es bei einer Sukzession).

 

   

Der Garten soll ein Erholungsplatz sein und nur ein geringes Maß an Pflegearbeiten, wie zum Beispiel Unkraut jäten, verursachen.

 

Ein biozönotischer Garten

Biozönotische Gärten sind solche Grünanlagen, in den man in breitem Sinne die Grundlagen und Regeln der Ökologie verwendet, also die Zusammenhänge zwischen Pflanzenwelt und Habitat, spontane und selbstgerechte Entwicklung und Zusammenhänge zwischen Pflanzen und Tieren. Die Planung von biozönotischen Gärten ist ein Grundstein der funktionsmäßigen Gestaltung, wobei Vorgänge geplant werden und die Form eine sekundäre Rolle spielt. Ob eine Grünanlage organisch gestaltet wird oder aus Dreiecken und Quadraten besteht, hat mit dem funktionalistischen Naturalismus nichts zu tun. Man kann Wildgärten mit geometrischen Linien sowie deren Gegenteil auf Basis von organischen Formen (natürliche Formalismus) entwickeln.

Aktuell gibt es starke formalistische und puristische Tendenzen -„Minimal Art" oder „New-Tech-Design", wobei es oft zu harmonischem Zusammensein von Funktionalität und geometrischem Formalismus kommt. Die funktionalistische Planung hat eine lange Tradition. Schon in den 80er und 90er Jahren des 18. Jahrhunderts wurde Inspiration durch Wildgärten deutlich. In poetischer und formeller Weise erscheint sie schon in den "Arkaden-Gärten" des 18. Jahrhunderts. Die Blütezeit für "Wildgärten" kam zur Zeit der Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert in England und Irland (Jeckell, Robinson). Damals entstanden malerische Gärten meistens in der Nachbarschaft von Landhäusern (cottage gardens). Die Wildgärten inspirierten in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts Planer wie Thijsse oder Londo in den Niederlanden. Als Inspiration für die Bepflanzung dienten Pflanzengruppen, die in der Natur vorkommen. Es entstanden damals großräumige Parkanlagen sowie urbane Gebiete mit natürlichem Charakter. In den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts formulierte der holländische Landschaftsarchitekt Louis Le Roy in seinem Buch "Natur einschalten-Natur ausschalten" ziemlich radikale Grundlagen für die Planung von Naturgärten, wobei die Wildpflanzen der städtischen Gebieten und Schutthaufen (sogenannte Ruderalgewächse) auch ihren Platz fanden.

In den biozönotischen Gärten erleben wir die Naturzyklen auf einer besonderen Weise, wir bemerken das Entstehen und Vergehen und die gegenseitige Abhängigkeit der Organismen im Netzwerk der Lebens- und Nahrungskreisläufen. Nachdem synthetischer Düngung, Verwendung von Pflanzenschutzmitteln, intensive Pflegearbeiten, mühsames jäten und die Entfernung von abgestorbenen Pflanzenteilen gestoppt sind, kommt das Leben und Artenvielfalt zurück. Nun hat die Natur ihre Chance und z.B. die Schädlinge werden von ihren natürlichen Feinden bekämpft. Die Bäume und Sträucher, die das "Skelett" eines Gartens bilden, sollten zum Großteil heimische Arten sein. Dies beeinflusst die Stabilität und Beständigkeit eines Gartens und bildet entsprechende Habitate für die Tierwelt.

Das grundlegende Prinzip ist die Bildung unterschiedlicher Habitate. Zu diesem Zweck kann entweder die natürliche Geländegestaltung genutzt werden oder das Gelände wird entsprechend modelliert (aus diesem Grund sollte der Garten idealerweise vor dem Hausbau geplant werden). Sonnige und schattige Plätze, Hügel und Absenkungen, mit Torfboden (sauer) oder Mineralboden, nährstoffreich oder -arm, auf dem Felsen oder im Wasser - dies sind Beispiele für Habitate, in den sich charakteristische für die gegebenen Bedingungen Tier- und Pflanzenwelten entwickeln (Biozönose). Verschiedene Materialien wie Kies, Schiefer, Sand, Ton, Felsen, alte Ziegelsteine oder Baumwurzelwerke können verwendet werden. Wir verwenden also Material, das anstelle zum Problem zu werden, sich als Grundstein eines Gartens hervorragend eignet. In Geländeabsenkungen entwickeln sich sehr gut Pflanzen wie Binse, Seggen, Vergissmeinnicht, Sumpfdotterblume, die feuchte Erdbedingungen bevorzugen. Auf saurem und trockenen Untergrund kann man bunte Heidelandschaften mit spezifischer Farbenvielfalt entwickeln. An den schattigen Stellen dominiert das saftige Grün der Farne. Kleine mit Wasserlinse bedeckte Teiche zwischen Moosen und Wasserquellen zwischen zerfallenden und mit Pilzen bedeckten Stämmen bilden ein einmaliges Klima. Die trockenen und sonnigen Stellen sind ideal für Trockenrasen mit Fetthennen, Thymian und mehreren Arten von bunten Gräsern. Viele Pflanzen aus diesem Habitat eignen sich durch ihre Dürrebeständigkeit auch als Dachbegrünung.

Anstelle von intensiv gepflegtem Rasen kann eine Wiese mit vielen bunten Blumen vom Frühjahr an mit verschiedenen Farben bezaubern. In einem derart gestalteten Garten tauchen Schmetterlinge und Libellen auf, der Garten füllt sich mit Vogelgesang, dem Zirpen von Heuschrecken und Rufen der Frösche.

Die wertvollsten Elemente eines naturalistischen Gartens sind Bachläufe, Kleinteiche, Wasserquellen und Wasserfälle. Obwohl für die Gestaltung meistens technische Mittel und Baumaterial wie Abdichtungsfolie, Pumpen usw. verwendet werden, wirken die künstlich entstandenen Habitate und entsprechend verlegten Pflanzenteppiche, als seien sie natürlich entstanden. Die Wasserbecken haben sehr große Wärmekapazität und beeinflussen dadurch das Mikroklima, indem sie Temperaturunterschiede ausgleichen und Luftzirkulation hervorrufen, die vor allem an heißen, windlosen Sommertagen angenehm sind und durch erhöhte Luftfeuchtigkeit Pflanzenwachstum fördern.

Der Naturgarten soll an die Haushaltsfunktionen angeschlossen werden. Der kompostierte Bioabfall kann gut im Garten benutzt werden und das biologisch an einer Pflanzenkläranlage (ein mit Schilf bewachsenen Biotop) gereinigte häusliche Abwasser kann zum Gießen oder samt Regenwasser als Nachfüllwasser für den Bachlauf oder Gartenteich verwendet werden.

Ein Gegenteil zu biozönotischen Gärten sind künstlich angelegte und durch Hecken von Lebensbäumen oder Fichten begrenzte Grundstücke, glatt gepflegte Rasen, viereckige Pflanzenbete und mit möglichst ausgefallenen und exotischen Pflanzen versehene Gärten

Viele Gärten sind auch für vorbeigehenden Passanten einsehbar, daher ist Ihr Garten auch Ihre Visitenkarte.